„Von der Qual der Wahl…“

|   Gesundheitsmanagement

Kirche auf, Kirche zu, Gottesdienste, Freizeiten, Sozialangebote: ja oder nein? Seit Ausbruch der Corona-Pandemie bereiten diese Fragen kirchlichen Haupt- & Ehrenamtlichen Kopfzerbrechen. Steigt die Krise „zu Kopf“? Oder ist die Wahl und die Psyche die unterschätzte Verbindung?

Unser Sprachgebrauch ist ja schlau. In Jahren und Jahrzehnten bildeten sich Floskeln heraus, über deren Ursprung wir kaum nachdenken. Warum sollte die Wahl eine Qual sein? Ein Mensch hat doch ein natürliches Bedürfnis nach Entwicklung und individueller Entfaltung! Das ist spätestens mit dem „New Work“ – Konzept voll en vogue. Gestaltungsfreiheit und Selbstbestimmung gelten auch im Gesundheitsmanagement als Ressourcen gesundheitsförderlicher Arbeitspraxis.
…doch wie so oft, wenn wir mit Gesundheit zu tun haben, kann eine große Ressource auch in eine große Belastung kippen.

Ich behaupte: Entscheidungsfindung ist in globalen, industrialisierten Zeiten in Wohlfahrtstaaten eine der größten psychischen Belastungen überhaupt!


Wir treffen je nach Studie 10.-100.000 Entscheidungen an einem Tag. Im Kontext von Kirche haben wir auch in Coronazeiten besondere Entscheidungsfreiheiten, vor allem durch den Schutz religiöser Ausübung. Wo klar ist, dass Sportveranstaltungen verboten sind, dürfen Gottesdienste prinzipiell stattfinden. Sie müssen nicht – sie können. 


Ob ich nun den Apfel oder die Banane esse, ob ich aufstehe, wenn morgens der Wecker klingelt – das ist noch einfach. Bei komplexen Entscheidungen - wie für oder gegen analoge Gottesdienste - sitzen jedoch viele unterschiedliche Bedürfnisse am Verhandlungstisch. Beispielsweise „bekämpft“ der Wunsch für die Menschen da zu sein, Normalität und Halt zu bieten, die Sorge um das Virus und die Verantwortung für Sicherheit sowie den Respekt vor der außergewöhnlichen Situation. Diese Bedürfnisse äußern sich in Gefühlen. Gefühle, die nicht befriedet werden können, lagern wir zugunsten einer vermeintlich rationalen Entscheidung gerne mal aus. Nicht selten melden sich unsere Gefühle dann an anderer Stelle wieder: nicht nur durch Kopfweh, sondern auch gerne in der Brust, im Bauch oder im Rücken. „Nicht-spezifischer Kreuzschmerz“ ist keine Entschuldigung des Arztes, es ist eine anerkannte Diagnose.
Denken Sie an Ihre letzte größere Entscheidung: Hatte das nur mit sachlichen Argumenten zu tun? Was haben Sie wirklich verhandelt?


...und was hilft?
In der Krise müssen wir viele schwierige Entscheidungen treffen, und das ist Stress. Um mit Stress umzugehen, gibt es vier Möglichkeiten: Die Konfrontation oder Ablenkung/Ausgleich, jeweils entweder allein oder mit anderen. Speziell die innere Kontemplation kann uns helfen, uns zu erden und die eigenen Gefühle zu erforschen: Was möchte ICH? Worum geht es MIR?
Doch auch der Austausch mit anderen, die kollegiale Beratung oder das Feedback vom Chef, können Halt geben. Dazu gehört allerdings die Einsicht, dass nicht alle meine Entscheidung verstehen, akzeptieren oder teilen. Das ist im familiären Umfeld oft schwer auszuhalten. Unter Menschen, die sich mit Respekt und Vertrauen begegnen, ist es jedoch möglich unterschiedliche Meinungen stehen zu lassen. Sofern eine einheitliche Entscheidung gefordert ist, sollte klar sein, wer am Ende dafür den Hut aufhat.  Und auch dieser Person gebührt Respekt, dass sie diese Verantwortung annimmt.


3 Dinge, an die ich mich gerne regelmäßig erinnere – und erinnern lasse - möchte ich in dieser ver-rückten Adventszeit gerne auch Ihnen/Dir mitgeben:
•    Ich bin nicht perfekt. Ich bin nach Gottes Ebenbild geschaffen, aber ich bin ein Mensch und fehlbar. Wenn von mir immerzu Perfektion verlangt wird und ich für mich entscheide, diese Perfektion auch immer von mir einzufordern, lebe ich in einer ständigen Überforderung, die auf kurz oder lang ihren Preis fordert – den Preis meiner Gesundheit.
•    Meine Entscheidungen haben einen wichtigen, aber nicht den einzigen Einfluss auf mein Leben. Kennen Sie das, wenn Sie 5 Szenarien durchgespielt hatten und die Realität war dann doch anders? Ich messe meinen persönlichen Schachzügen manchmal etwas zu viel Bedeutung bei. Doch mein Leben besteht nicht nur aus meinen Plänen und Vorstellungen. Apropos Planung...
•    Planungssicherheit in einer Krise ist illusorisch. Die Erfahrung, und brauchbare Lösungen stehen mehr denn je im Vordergrund. Es ist durchaus gesund, wenn ich allein oder mit anderen fiktive Szenarien durch spiele. Ungesund wird es dann, wenn ich Grübelkreise ziehe und in ein emotionales Dilemma gehe, das mich durchaus um meinen gesunden Schlaf bringen kann. Keine Frage: Zu einer Entscheidung gehört, auch mit möglichen Konsequenzen umzugehen.  Umso besser, wenn solch eine Entscheidung nicht allein auf „meinen Schultern lastet“. 


Links zum Weiterlesen:
•    20.000 Entscheidungen am Tag: www.konsumer.ch/20000-entscheidungen-pro-tag/
•    Interview mit Gerd Kaluza zum Thema Stressbewältigung: psyche-und-arbeit.de

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Möglichkeiten über Möglichkeiten - ist das "nur" angenehm? Q: geralt (pixabay)